Postscriptum und Update
Über ein halbes Jahr später hat sich die Situation verändert.
Ursprünglich habe ich in diesem Blog über meine privaten Erlebnisse berichtet, daher sein Name. Nach dem Anstieg von Fremdenfeindlichkeit in den letzten Jahren wurde dieses Thema zum Schwerpunkt meines Blogs. Aktuell gibt es vermehrt männerpolitische Beiträge, parallel zu meinem Engagement im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Geschlechterdemokratie AGENS e.V..
In den letzten Tagen häufen sich ein wenig die Anfragen, warum ich die Arbeit an diesem Blog vor einigen Wochen eingestellt habe. Anstatt jedem einzeln zu antworten, geht es vermutlich schneller, wenn ich hier das Wesentliche kurz zusammenfasse. Nachdem in den letzten Monaten mehrere Männerrechtler-Blogs sang- und klanglos verschwunden sind ("Der Maskunaut", "Romans roter Mann", "Leutnant Dino") wären ein Abschiedsworte zur Abwechslung vielleicht mal ganz nett.
Es hat sich bereits vor mehreren Jahren gezeigt, daß es – am Anfang wenige, dann immer mehr – Männer in der Männerbewegung gab, denen rechtes Gedankengut und rechte Gesinnung um ein vielfaches Wichtiger war, als die Männerbewegung selbst. Aus diesem Grund war es für sie auch wesentlich, sich erstmal ab- und dann später auszugrenzen. Was links und später "Mitte" erschien, durfte nicht zur Männerbewegung gehören. Ob dies der Männerbewegung selbst nutzte oder gar schadete, war nebensächlich, da diese nur ein kleiner Teilbereich ihrer Interessen war. Rechte Gesinnung war die Hauptsache. Dass diese nun vor einem Scherbenhaufen stehen ist interessant, da es mir selbst nie in den Sinn gekommen wäre, die Ereignisse in Norwegen mit der Männerbewegung in Zusammenhang zu bringen. Sowas fällt doch erst mal nur schrägen Gemütern wie Alice Schwarzer ein. Schnell aber zeigte sich: Der Nerv der Pestschreier war getroffen, das Gewissen (offensichtlich doch noch rudimentär vorhanden) rührte sich, Pflichtbekundungen folgten. Schuldige mußten her, die eigene Gesinnung konnte es doch nicht sein.
Ich weiß nicht, wie vielen anderen es wie mir geht, die einfach keinen Nerv mehr haben, sich diese Diskussionen zuzumuten, und deswegen schweigend dem Elend zusehen (es hat durchaus was mit meinem Meiden der Männerforen und auch dem Rückzug von Manndat zu tun – zumindest für den Moment), aber wenn ich vergleiche, was für Debatten es früher gab, wie argumentiert wurde und wer sich nun alles zurückgezogen hat und nirgendwo mehr auftaucht, glaube ich, dass es einige Leute mehr geben muss, die so denken. (...) Das Traurige ist, dass ich irgendwie in gewisserweise durch das Männerrechtsthema gebunden bin; aber gleichzeitig zeigen diese Foren, von ein paar wenigen Ausnahmen, mit wem und welchen Ansichten man dann arbeiten müsste. Das funktioniert für mich nicht mehr.
Es zeichnete sich schon damals ab, dass ein Teil der Forumsteilnehmer eine Gangart bevorzugte, die ich nicht mittragen konnte und wollte. An solchen Stellen war es dann immer wohltuend, wenn unter anderem von Dir ein inhaltlich fundierter und differenzierter Beitrag auftauchte, der zur Versachlichung der Debatte beitrug. Ich will nicht ausschließen, dass ich mich zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht wieder der Männerbewegung anschliesse, aber momentan steht mir offen gestanden nicht der Sinn danach (was nicht zuletzt auch an den Radikalinskis liegt, die sich in der Szene tummeln und berechtigte Anliegen streckenweise zur Farce werden lassen).
Das Buch von Sarrazin ist eine treffende Analyse, unaufgeregt und sachlich geschrieben. Sie enthaelt im Uebrigen nur, was den Fachkennern der Sozialdebatte seit langem gelaeufig ist. Sarrazins Verdienst ist es, dies zusammen getragen und fuer ein breites Publikum aufbereitet zu haben, sodass ein breiter Diskurs nicht mehr zu unterdruecken war.
Mich würde interessieren wer es bestimmt was "fundierte seriöse Kritik" ist. Legt es Arne H. fest oder das noch zu installierende Wahrheitsministerium? Kann ich als Nichtakademiker fundiert kritisieren? (...) Mehr und mehr hält in allen Debatten die Moral Einzug. (...) Es soll ja nicht mehr diskutiert werden. Zumindest nicht vom Pöbel. Diskutieren dürfen nur die die fundiert und sachlich kritisieren können. Solche wie Arne H. Der Rest hat das Maul zu halten. Und dann wundert man sich, daß man selber niedergemacht wird.
Wenn mich jemand verleumdet, muss ich Deiner Meinung nach also zum Staat, um mich juristisch zu wehren. Warum muss ich das, weil ich dann, wenn ich den Verleumder verprügele, mit einer Anzeige wegen Körperverletzung zu rechnen habe. Gleichzeitig nimmt mir mein Staat ein Abschreckungsmittel, denn ich kann dem Verleumder nicht glaubhaft mit Prügel bedrohen, statt dessen muss ich auf staatliche Hilfe hoffen und bin in meiner eigenen Handlungsfreiheit beschränkt - und damit sind wir am Kern des Problems, die Interaktionen werden entpersönlicht und Akteure werden zu Marionetten degradiert
Du kannst Dich in einer stillen Stunde fragen, ob Du mit der selben Schärfe, mit der Du die Medienmechanik und Diskurshoheit der einen Seite in Feminismusfragen analysierst, auch in der Islamfrage agierst, wo auch eine sehr einseitige veröffentlichte Meinung herrrscht. Dein Hohmann/Friedmannbuch liegt übrigens neben mir. Du kannst es also.
Nach dem Vortrag dürfen die Besucher Sarrazin wie immer Fragen stellen. Ein gutes halbes Dutzend Mal hört er den Satz: »Herr Sarrazin, vielen Dank für Ihre Ausführungen und den Mut, das öffentlich zu sagen, was wir alle denken.« Kaum einer wagt es, Sarrazin zu widersprechen. Und wenn doch, erntet er Buhrufe und Pfiffe. Eine junge Deutsch-Koreanerin, Musikstudentin, nimmt all ihren Mut zusammen, geht vor den Sarrazin-Anhängern ans Mikrofon und fragt Sarrazin, ob er Goethes Wanderers Nachtlied denn wirklich auswendig könne oder ob er nur damit prahle. »Glauben Sie mir, junge Frau, ich kann’s«, antwortet Sarrazin trocken. Als sie trotzdem beginnt, das Gedicht aufzusagen, weil sie ihm beweisen will, dass auch sie, eine Ausländerin, Interesse an der deutschen Kultur hat, ist nur die erste Zeile zu hören: »Über allen Gipfeln ist Ruh«, der Rest geht in Pfiffen unter. Eingeschüchtert verliert die Studentin den Faden und verhaspelt sich. Das Publikum johlt. Sarrazin sieht in diesem Augenblick nicht besonders glücklich aus. Er hebt leicht die Hand, um das Publikum zu beruhigen, und sagt etwas ins Mikro, aber das ist nicht zu verstehen. Seine Anhänger entgleiten ihm wie Goethes Zauberlehrling die Geister, die er rief. Die Studentin steht immer noch am Mikro, ihre Hand zittert, ihr Mut ist aufgebraucht, weggejohlt. Doch bevor sie gedemütigt aus der Halle rennt, ruft sie noch einen Satz, einen bemerkenswerten Satz: »Sehen Sie denn nicht, was Sie hier anrichten?«
Am Anfang ging es den Verteidigern Sarrazins um die Verteidigung der Meinungsfreiheit, inzwischen wird dieses Grundrecht als Freibrief genutzt, Ressentiments gegen Muslime und Türken ganz unverstellt zu äußern. "Für Sarrazin! Für die Freiheit!" stand auf einem Plakat, als der Autor vor kurzem in der Urania in Berlin seine Thesen präsentierte. Man fragt sich unwillkürlich: Was wird hier eingeklagt? Die Freiheit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen? Oder die Freiheit, endlich das herauszuplärren, was man lange nicht sagen durfte, weil es auch gute Gründe für ein Tabu geben kann?
Es ist mit Rücksicht auf die Vorgaben der politischen Korrektheit aus der Mode gekommen, vom Mob zu reden. Aber es gibt kein besseres Wort für das Publikum, das sich am Freitag vorvergangener Woche in der Urania einfand. Es war ein adrett zurechtgemachter, nach Rasierwasser und Eau de Toilette riechender Mob, ein Angestelltenpöbel, den es kaum auf den Stühlen hielt, sobald die Rede auf "die Politik", "die Medien" und "die Ausländer" kam, und der zischend, johlend und klatschend seiner Aggression freien Lauf ließ. Wer nur zum Zuhören gekommen war, begann sich zwischenzeitlich ernste Sorgen um den armen Deutsch-Iraner zu machen, der als Quotenmuslim auf dem Podium Platz genommen hatte und bei jedem Satz sofort böse Zwischenrufe erntete.
Sarrazins Standpunkt ist ja am Ende nicht akzeptabel für aufgeklärte Konservative. Eine kluge Analyse mit unerträglichen Folgerungen ist keine konservative Politik. Obendrein ist diese Analyse noch nicht einmal klug, eher ein Beispiel für die intellektuelle Ladehemmung, die in Deutschland meistens dafür sorgt, dass verquaster Unsinn herauskommt, wenn einer mal konservative Standpunkte offensiv vertreten möchte. Hätte Sarrazin die letzten drei Kapitel nicht geschrieben, dann hätte er eine interessante wissenschaftliche Analyse eines Tatbestandes vorgelegt. Aber so ist es dumpfer Biologismus. Davor graust mir. Das ist aus meiner Sicht jenseits des Verständnisses von Menschenwürde, das gerade Konservative haben. (...) Aus der Sicht eines Konservativen zerstört jemand, der so vorgeht wie er, die Diskussion. Er ist ein klassisches Beispiel für jene, die am Ende dafür sorgen werden, dass eine konservative Debatte nicht mehr stattfindet.
Aus der Geschichte der Weimarer Republik ist folgende Geschichte bekannt: Ein demokratischer Abgeordneter zeigt in einer Plenardebatte auf die äußersten Ränder des Parlaments nach links und rechts und sagt ihnen voraus, sie würden als erstes einander aufhängen, wenn einer von ihnen an die Macht käme. Ein Zwischenruf von ganz rechts in Richtung des Demokraten bringt eben diese Ränder zur Erheiterung: „Als erstes werden wir DICH aufhängen“.
Es sind schon jetzt viel zu viele, die einfach vor dieser Radikalisierung reißaus genommen haben und von denen man jetzt nichts mehr hört. Da müßte man wirklich was anderes finden, wo wir uns mal sammeln könnten. Gerade die jetzige Diskussion im gelben Forum finde ich recht fruchtbar. Da zeichnen sich doch viele ab, denen es ähnlich geht. Bevor die alle weg sind, muß was passieren.
richtig so arne laß dich nicht verscheißern....teile mir bitte den nächsten blog und den titel deines nächsten buches mit
Lieber Arne, ich habe als regelmäßiger Leser deines Blogs bemerkt, dass du nicht mehr schreibst. Ich habe "Urlaub" vermutet, den ich dir auch gönnen würde.
Jetzt lese ich mit Bedauern, dass du nicht mehr bloggen willst, weil die Männerszene nach außen mehr und mehr von abgefahrenen Extremisten geprägt wird. Ich finde, du solltest genau aus dem Grund weiter bloggen.
Neue Interessenten an Männerrechten werden denken, sie müssten auch Muslime hassen oder den Vietcong unterstützen, weil das zu Männerrechten dazu gehörte. Dem kannst du entgegen wirken. Für langjährige Anhänger wie mich ist dein Blog die einzige zuverlässige und unabhängige Quelle über Weltgeschehen und deren Interpretation aus Männersicht. Ich muss nicht selbst suchen und bekomme es mit, ein Link, wenn ich mehr wissen will, und deine Meinung, der ich mich meistens anschließen kann. Ebenso das Geschehen in der Männerrechtsszene. Ich habe nicht die Zeit und Kraft, selbst zu gucken, wer neben Männerrechten noch welche anderen Meinungen mit verkaufen will und was ich davon halten soll. Deswegen meine Bitte: Mach weiter!
(...) Du botst mit deinem Blog Fakten zu allen möglichen Themen und eine Meinung an, die Leser annehmen konnten und selbstbewusst privat oder öffentlich vertreten konnten.
Gehöre seit gut zwei, drei Monaten auch zu den eifrigen Lesern Deines Blogs "Hinter meinem Schreibtisch": Ich bin übrigens durch den "Kachelmann-Prozess" langsam zu einer kritischeren Sicht des Feminismus gelangt, weil ich würde mich ja nun politisch wirklich als links der linken Mitte einschätzen und somit eigentlich dem Feminismus aufgeschlossen. Aber: Ich würde sagen, dass ich wohl 90% von dem, was Du in Deinem Blog geschrieben hast, sehr gut fand und zwar 100%, wenn Du Rassismus etc. analysierst und wohl 80%, wenn es um Männerrechtsthemen geht.
Gut, nun habe ich ja gelesen, dass Du mit dem Schreiben in Deinem Blog aufhören willst und dies aus m.E. sehr nachvollziehbaren und verständlichen Gründen. Aber, ich fände es sehr, sehr schade, wenn Du aufhören würdest, differenziert über Männerrechtsthemen im Internet zu schreiben. Ich habe bei Dir sehr stark das Gefühl, dass Du Dich viel zu häufig und wohl viel zu intensiv im Internet bewegst und schaust, was andere Blogs über Dich oder über ein Thema schreiben, das Dich sehr interessiert (z.B. Männerrechtsthematik oder Rassismus). Nur schon wenn ich höre, dass Du auch bei "Isis-Welt" reingeschaut hast, dann kann dies ja für einmal noch sinnvoll sein, aber diese Frau hat nun wirklich ein Reflexionsniveau, dass es sich nicht lohnt, noch ein zweites Mal auf diesen Blog zu gehen.
Damit will ich auch sagen: Ich finde, Du beschäftigst Dich viel zu stark mit Blogs und Akteuren im Internet, die eine divergierende Meinung zu Dir vertreten und die vielfach noch ohne tiefgreifende Reflexion daherkommt, sodass es sich m.E. schlichtwegs nicht lohnt, sich immer wieder und wieder mit diesen Meinungen zu befassen. Es reicht doch vollständig für die Leser Deines Blogs aus, wenn Du Dich einmal grundsätzlich mit diesen Positionen auseinandersetzt, aber dann hast Du klar und deutlich gemacht, wo Du Dich in der Männerrechtsbewegung positionierst und mit wem Du etwas am Hut hast und mit wem nicht.
Nimm Dir doch einen Querkopf wie Noam Chomsky als Vorbild: Was wurde schon alles für einen Mist über diesen geschrieben etc., das hat ihn aber nun nicht dazu veranlasst, sich vermehrt mit diesem Geschwätz auseinanderzusetzen, sondern eben seine gesellschaftlichen Analysen unbeirrt fortzusetzen. Eine Auseinandersetzung mit anderen Positionen mag sicherlich sinnvoll sein, aber nicht, wenn es sich um reflexionslosen Müll handelt: Da reicht einmal eine Grundsatzerklärung von Dir, wo Du Dich von diesem Müll eben distanzierst, aber dann reicht das vollständig aus und Du kannst Dich mit wichtigeren Dingen beschäftigen.
Ich finde es sehr bedauerlich, daß du dein Blog einstellen willst. Schon bei der Aufgabe von "Genderama" war ich sehr traurig. Den Schreibtisch-Blog fand ich die wichtigste Veröffentlichung über Männrerechte, die wir in Deutschland haben.
Ich kann dich gut verstehen, daß du ein Problem mit Leuten hast, die Sarrazin verteidigen, ausländerfeindlich sind und das nach den Morden in Norwegen noch öffentlicher herausposaunen als sonst. Mir ist das auch unangenehm. Ich war zum Teil schockiert von dem, was im für jeden offenen MANNdat-Forum geschrieben wurde. Mein Ansatz ist eigentlich, Politik außen vor zu lassen, damit Linke, Liberale und Konservative für die gleiche Sache eintreten können.
So wie selbst schreibst, kann man Extremisten nicht durch Tatsachen aufklären. Das versagt ja auch bei Feministen in der Regel völlig. Mein Vorschlag wäre da, sich einfach auf das eigene Projekt zu konzentrieren und das ganze dumme Geschrei links (bzw. rechts ;-) liegen zu lassen. Das fände ich zumindest besser, als ganz aufzuhören, denn das ist da genau das, was die Extremisten wollen.
Du schreibst treffend: "Die einen wollen die Männerbewegung nach ganz rechts schieben, um sie zu diskreditieren, die anderen nach ganz rechts zerren, weil ihnen ihre rechte Ideologie wichtiger als die Männerbewegung ist." Gerade deshalb fand ich deinen liberalen Ansatz immer so erfrischend, der auch mich immer wieder mal auf den Boden der Tatsachen zurück geholt hat, wenn ich mich mal wieder über irgendwelche Dinge zu sehr aufgeregt habe.
Aber insgesamt kann ich verstehen, daß du die Schnauze voll hast und dich nicht umstimmen lassen willst. Das klingt auch deutlich aus deinem Beitrag hervor. Man merkt, daß es dir schwer gefallen ist, diesen Blog zu beenden und daß du es mit einer so langen Erklärung gemacht hast. Ich habe im Moment auch keine Patentlösung parat. Ich hoffe nur, daß die Männerrechtsbewegung sich durch die rechte Tendenz nicht selbst aushebelt, sondern sich die vernünftigen, aufgeklärten Leute aller politischen Lager nicht von den Extremisten abschrecken und denen dann das Feld überlassen. Denn dann haben die gewonnen und uns brächte das gar nichts, wenn wir uns zurückziehen (außer unsere Ruhe zu haben). Von daher werde ich auch in Zukunft die Augen offen halten, um zu sehen, wo ich mich engagieren kann, sei es MANNdat, oder AGENS, oder wer weiß wo.
Ich kann Deinen Entschluß bestens nachvollziehen, selbst habe ich mich ja schon lange aus der virtuellen Männerszene zurückgezogen. Gleichzeitig ist es natürlich auch ein weiteres Überlassen des Feldes an die rechten Großkotze. Nun haben sie einen weiteren Fußbreit des Terrains. Dieses Widerspruchs war ich mir damals bei meinem Rückzug schon bewußt, also daß es die Entscheidung für eins von zweien Übeln ist. Sie sind nur wenige, aber ein Einzelner von ihnen bekommt mit seinem Geschrei das Gehör von hundert Gemäßigten.
Ich habe in den letzen Jahren alle Deine Blogeinträge gelesen, ich war froh, daß noch einer der Linksliberalen schreibt und sich aktiv in die Debatte einbringt. Sie waren immer erfrischende Denkanstöße und haben mich stets geistig befruchtet. Deinen Entschluß respektiere ich also aufrichtig, aber ich bedauere ihn zutiefst.
Mit großem Bedauern habe ich Ihren letzten Eintrag gelesen. Sie waren das einzige Blog, dass ich täglich angeschaut habe!
Ihre Entscheidung kann ich absolut nachvollziehen und denke, dass wahrscheinlich die Bedeutung der kleinen Truppe von Foren- und Kommentarschreibern im Internet sowieso zu viel Bedeutung beigemessen wird und sich mit diesen Leuten zu zanken vergebene Mühe ist. Das sind viele vielleicht ähnliche Typen wie die Autoanzünder: wenig Aufwand für eine Provokation und dafür viel Aufmerksamkeit. Gut für das Ego – bitter für die Gesellschaft.
Lieber Herr Hoffmann,
gerade im vergangenen Jahr war es jeden Morgen eine Wohltat Ihre Blog-Einträge zu lesen.
Ich war so enttäuscht von Eva Herman und so verletzt von den Auswirkungen des Sarrazinbuches.
Ich konnte es nicht so in Worte fassen, aber Sie schrieben, dass man sich in Deutschland nun in der Defensive befinde, wenn man kein glühender Islamkritiker ist (bzw. einfach alle Moslems verachtenswert findet). Genau das bringt es auf den Punkt was im letzten Sommer in Deutschland (meiner schönen Heimat, mein liebes Deutschland, mein Hamburg ... ) geschehen ist.
Das ist nicht das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin.
Ich war so traurig über diese Ereignisse und schrieb Ihnen deswegen, Sie haben mir ausführlich geantwortet! Das war ein wirklicher Trost!!
Ich werde es sehr vermissen, jeden Morgen Ihren Blog anzuklicken und alle Freunde und Bekannte mit lesenswerten Einträgen zu versorgen.
Ich habe mich dadurch nicht so hilflos gefühlt.
(Das gilt auch für Ihren anderen Themenschwerpunkt!)
Jetzt möchte ich gern noch etwas erzählen:
Als mein Vater (Tunesier) 1971 nach Hamburg kam, wurde er mit ca. 20 anderen arabischen jungen Männern in einer riesigen 8-Zimmer Wohnung in Hamburg-Eppendorf eingemietet. Ich weiss nicht, ob Ihnen Eppendorf etwas sagt, es ist das Mega-Schicki-Micki-Viertel in Hamburg. Damals noch eher künsterlisch/kreativ (halt 70er, z.B. Otto und Udo Lindenberg hingen da rum), aber dennoch sehr schick.
In der Wohnung über ihnen lebte eine alleinstehende Dame. Als sie mitbekam, dass unter ihr 20 junge, arabische Männer wohnten, war sie sehr besorgt. Sie fragte sich, wer sich denn um diese kümmern würde, da sie ja jetzt so allein, weit weg von zu Hause sind!
Ohne Mütter oder ihre Frauen!
Diese Dame hat daraufhin mehr als drei Jahre lang jeden Freitag die Wäsche für meinen Vater und seine Mitbewohner gewaschen!!!
(Können Sie sich DAS vorstellen??!!)
Als sie dann später alt wurde, war immer einer der "Jungs" für sie da, hat eingekauft, ist mit ihr spazieren gegangen etcetera.
Das ist das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin!
Stellen Sie sich bitte vor, was heute geschehen würde, wenn in Eppendorf in der Wohnung unter Ihnen plötzlich 20 arabische Männer einziehen ...
Der Gegensatz zu heute könnte nicht krasser sein.
Mein Vater und seine ehemaligen Kollegen erzählen so viele solcher Geschichten. Teilweise so rührende Erlebnisse wie dieses, aber auch andere, die zum Schreien komisch sind.
Ich finde, in dieser Geschichte zeigt sich so einfach, worüber Sie schreiben. Zu dieser Zeit wurden Männer nicht so verachtet, wie es heute der Fall ist. Und Araber (Moslems, was weiss ich) eben auch nicht.
Da hatte man anscheinend einfach Herz?
Das vermisse ich jedenfalls sehr.
Hallo Arne,
gerade habe ich mal wieder in Deinen Blog geschaut und dort zu meinem großen Bedauern gelesen, dass Du Dich nach „Genderama“ nun auch hiermit aus dem Internet zurückziehst. Da ich aus Zeitgründen selten im Internet unterwegs bin und wenn, dann nur auf gezielter Recherche, d.h. in puncto Männerbewegung außer Deinen Beiträgen bestenfalls noch hier und da mal im Infobereich von Manndat, bin ich von der Information überrascht und schockiert, dass die Männerbewegung derzeit offenbar durch extremistisches Gedankengut und rechte Radikale dominiert wird. Wenn ich eins bei meinen Recherchen für meine Kriminalromane aus der Weimarer Republik gelernt habe, dann wie fatal es ist, wenn Gesinnung wichtiger wird als Meinung.
Dein Blog wird mir fehlen, insbesondere wegen der wohltuend fundierten und unaufgeregten Kritik, die ich immer auch als moralische Stütze empfunden habe. Ich kann natürlich gut verstehen, dass man auf dumpfe Angriffe keinen Nerv hat, ich finde es ohnehin bewundernswert, dass Du Dich in all der Zeit nie hast von Deiner differenzierten Haltung abbringen lassen. Ich äußere mich ja in meinem Umfeld auch zu männerrelevanten Themen, und, ehrlich gesagt, ich bin bei den Plattitüden, Unterstellungen und Projektionen, die einem gelegentlich entgegenschlagen, schneller erschöpft.
Jetzt ist man mal ein paar Wochen nicht auf Ihrer Blogseite und dann schließen Sie auch diese letzte Bastion breit angelegter Meinungsschau – schade! Ihre Gründe kann ich allerdings verstehen – schön, dass Sie sich soviel Zeit genommen haben, Ihren Entschluß zu begründen.
Es frustriert mich sehr zu lesen, wie die Männerbewegung, wenn schon nicht personell unterwandert, so doch im Internet diskreditiert wird durch rechte Schreiberlinge. Es wäre so wichtig, dass als „konservativ“ verschriene Positionen auf der linken Seite wahrgenommen werden, genau wie umgekehrt! Mein halber Freundeskreis ist sozusagen „weit links“ angesiedelt und ich weiß wie zerstörerisch die Nähe zu „von rechts“ mißbrauchten Positionen für die Wahrnehmung einer Bewegung dort sein kann und wird. Das müsste nicht sein.
Ich kann perönlich nachfühlen wie anstrengend es für Sie gewesen sein muss, sich durch die Einnahme der mittleren Position, die alle Aspekte eines Themas im Blick behalten und diskutieren will, letzlich effektiv ins Kreuzfeuer zu platzieren.
Ich danke Ihnen, dass Sie dieses unübersichtliche Thema für viele Mitleser, so wie wie mich, aufbereitet und im Ansatz verstehbar gemacht haben.
Alles Gute für ihre nächsten Projekte, vielleicht ist ja mal wieder ein Blog dabei :-)
Unter den Dokumenten, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, befinden sich mal mehr, mal weniger intensive Korrespondenzen mit etlichen Organisationen und Privatpersonen. Darunter hierzulande sattsam bekannte „Islamkritiker“ wie Ralph Giordano oder Henryk M. Broder – was seltsam ist: Bestreitet Broder doch eine Nähe zu „Politically Incorrect“.
(...) Gegen Islamversteher und alle so genannten Gutmenschen, so Mannheimer, sei „die Inkraftsetzung und schonungslose Anwendung des Widerstandsrechts“ legitim – inklusive des bewaffneten Kampfes.
(...) Herres damaliger Anwalt entwarf daher bereits im Frühjahr 2010 ein Gründungskonzept für einen PI-Verein, dessen Satzung jedes einzelne Mitglied abzeichnen müsste. Es sei von Vorteil, so der Jurist, wenn jede PI-Gruppe eigenverantwortlich handeln und lediglich die Namens- und Markenrechte von PI erhalten würde. Rockerbanden wie die Hell’s Angels und Bandidos machten das auch so: „Wird eine Ortsgruppe als kriminelle Vereinigung verboten, bleiben die anderen weiter erlaubt … Davon kann man lernen.“
Noch gibt es neue Artikel zur Debatte um Islamkritik und Islamophobie, die ich zitierenswert finde, also wird auch die Presseschau zunächst fortgesetzt. Heute ist die Reaktion der Moslemhasser auf den Terror aus ihren Reihen ein Schwerpunktthema vieler Artikel.
„Islamkritiker“ beklagen – trotz aller Distanzierungen von Breiviks Taten – weniger die Opfer als vielmehr sich selbst, da Breivik ihrer Sache einen Bärendienst erwiesen habe. Überhaupt, so ein gängiges Argument, seien nicht sie für die Terror-Tat mitverantwortlich, sondern eben jene, die Breivik politisch ins Visier nahm. Denn die „Multikulti“-Fraktion habe erst durch die betriebene Masseneinwanderung die islamische Bedrohung auf die Tagesordnung gesetzt, gegen die sich schließlich gewehrt werden müsse.
Dass Europas Rechtsparteien nach den Attentaten in Norwegen ihre Strategie grundlegend ändern werden, glaubt auch der Berliner Politologe Hans-Gerd Jaschke nicht: Nur die norwegische Fortschrittspartei sei unter enormen Druck geraten, sagt er der „Presse“. Andere rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien würden bei ihren Ideen und Inhalten bleiben. Empirische Daten über die Auswirkungen der Attentate und der Diskussionen über den rechten Nährboden gibt es noch nicht; ob sie den Rechtspopulisten schaden oder sogar nutzen, darüber kann vorerst nur spekuliert werden.
(...) Der Salzburger Politologe Herbert Dachs rechnet damit, dass die FPÖ nun versuchen werde, „einen schmalen Grat des Sowohl-als-auch zu gehen“: Die Partei werde also „einerseits entrüstete Distanzierung von den schrecklichen Ereignissen demonstrieren, andererseits aber doch den Kern ihrer Kritik erhalten“. Nach einigen Wochen der „totalen Vorsicht“ werde man also „durchaus zu alter emotionaler Frische zurückkehren, zu Pauschalurteilen, deftigen Sprüchen auch unter der Gürtellinie und zum Schüren von Ängsten“. Man wolle ja weiterhin die eigene Wählerklientel ansprechen.
Während Europas Feuilletons diskutieren, welchen Anteil extremistische Islamkritik und Islamophobie am Massaker von Norwegen haben, sehen manche keinen Grund, auf Abstand zu gehen. In Frankreich gab der Regionalpolitiker der rechtsextremen Front National Jacques Coutela im Internet zum Besten, dass der Attentäter „ein Widerstandskämpfer, eine Ikone“ sei, der „gegen die muslimische Invasion“ kämpfe. In Italien ist Ähnliches sogar aus dem Regierungslager zu hören. Mario Borghezio, der für die rechtspopulistische und fremdenfeindliche Lega Nord im Europaparlament sitzt, spendete dem Mörder von Oslo und Utöya im Radio Beifall: „Viele seiner Gedanken sind gut, einige ausgezeichnet. Dass sie sich in Gewalt entladen haben, daran ist die Migrantenflut schuld.“
Breivik ist die pervertierte Variante des europäischen «Wutbürgers». Damit ist die wachsende Zahl von Frustrierten und Alleingelassenen gemeint, die sich im normalen Politspektrum nicht mehr wiederfinden. (...) Am unheilvollsten aber war und ist die Weigerung der etablierten Parteien, die von ihren Wählern stark empfundenen Probleme im Zusammenhang mit der Migration – und hier besonders im Zusammenhang mit dem Islam – zur Kenntnis zu nehmen. Die Folgen einer jahrzehntelang fahrlässig-verantwortungslosen Zuwanderungspolitik sind spürbar und real.
Doch Remes sprach das aus, was terrorerfahrene Israelis vielleicht mehr verunsichert als der sinnlose Tod friedlicher Jugendlicher: Die Identität des Täters passt nicht in ihr Weltbild. »Er hat das Gesicht eines Engels: kantiges Kinn, blonde Haare und blaue Augen.« Mit anderen Worten: Anders Behring Breivik sieht nicht arabisch aus. Wie konnte ein kultivierter Norweger einen Massenmord begehen? 60 Jahre nach dem Holocaust wollen sich Israelis einen blonden Teufel nur noch schwer vorstellen.
Bevor wir in Klagen ausbrechen (analog zur Verschwörungstheorie einer „Islamisierung“ Europas) und Theorien einer allgemeinen, anti-muslimischen Verschwörung entwerfen, müssen wir politische Unterschiede in europäischen Ländern betrachten. Bisher besteht – noch – ein deutlicher Unterschied zwischen Staaten wie Deutschland, in denen es sicherlich zu unappetitlichen Kampagnen kam, und jenen Ländern, in denen es konkrete Beschlüsse gibt, die sich gegen muslimische Bürger richten. So hat sich die Bundesregierung von den Thesen Sarrazins abgegrenzt und sich nicht zu rechtlichen Schnellschüssen verleiten lassen, während unsere niederländischen Nachbarn die offen anti-muslimische PVV an die Macht wählten.
(...) Thomas Hammarberg, Kommissar für Menschenrechte des Europarats, schätzte die politische Lage Europa im IZ-Gespräch ähnlich ein: „Ich denke wir müssen Islamfeindlichkeit als eine schwere Bedrohung der Menschenrechte und der grundlegenden europäischen Werte sehen. (…) Es besteht Grund zur Annahme, dass die gegenwärtige ökonomische Krise es für extremistische Gruppen einfacher macht, Zuspruch für ihre anti-islamische und anti-muslimische Propaganda zu gewinnen.“
Gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem islamischen Fundamentalismus und seinem ideologischen Gegner, der europäischen Anti-Islam-Bewegung, waren den hellsichtigeren Beobachtern immer schon aufgefallen. Gleichwohl dürfte niemand damit gerechnet haben, dass die Anti-Islam-Bewegung auch ein ähnliches Tatmuster, einen ähnlichen Brutalisierungsfaktor hervorbringen würde. (...) "Der Krieg in unseren Städten" lautete der Titel eines 2003 erschienenen Buchs, das für die paranoide Richtung der Islamkritik typisch ist. Udo Ulfkotte, der Autor, forderte darin unter anderem die Aufstockung der GSG 9 und anderer Antiterrorkommandos, damit wir gegen die zu erwartenden Angriffe von Muslimen aus dem Inneren unserer Gesellschaft gewappnet sind. Nun aber wollte den "Krieg in unseren Städten" ausgerechnet jemand auslösen, der derselben anti-islamischen Denkschule wie Ulfkotte angehört. Die Aufstockung der Anti-Terror-Einheiten zu fordern: Es klingt, von heute aus betrachtet, als habe uns Ulfkotte damit vor der Radikalisierung seiner eigenen Ideen schützen wollen.
Islamkritik ist das eine, und menschenverachtender wie -verhetzender Hass gegen die Muslime, wie er sich in PI austobt (wie übrigens an anderer Stelle gegen Juden oder Christen), etwas völlig anderes. Grundsätzliche, auch radikale Religionskritik, des Islam wie auch etwa des Christentums, muss unbedingt weiter zulässig sein – gerade angesichts weiter existierender fundamentalistischer Tendenzen in allen Religionen. Und natürlich bleibt es ein Problem, dass viele Muslime sich mit Kritik an ihrer Religion schwertun und einige sogar Kritiker des Islam mit allen Mitteln mundtot zu machen trachten.
So richtig es somit bleibt, den biologistischen Charakter der Sarrazin'schen Thesen und seinen teilweise menschenverachtenden Jargon zu kritisieren, es gibt eine liberale Notwendigkeit, sich im Zweifel sogar für Broder und Sarrazin und ihr Recht zur Islamkritik einzusetzen, so unerträglich man sie auch empfinden mag.
Es hat sich bereits vor mehreren Jahren gezeigt, daß es – am Anfang wenige, dann immer mehr – Männer in der Männerbewegung gab, denen rechte Gedankengut und rechte Gesinnung um ein Vielfaches wichtiger war, als die Männerbewegung selbst. Aus diesem Grund war es für sie auch wesentlich, sich erstmal ab- und dann später auszugrenzen. Was links und später "Mitte" erschien, durfte nicht zur Männerbewegung gehören. Ob dies der Männerbewegung selbst nutzte oder gar schadete, war nebensächlich, da diese nur ein kleiner Teilbereich ihrer Interessen war. Rechte Gesinnung war die Hauptsache.
Dass diese nun vor einem Scherbenhaufen stehen ist interessant, da es mir selbst nie in den Sinn gekommen wäre, die Ereignisse in Norwegen mit der Männerbewegung in Zusammenhang zu bringen. Sowas fällt doch erst mal nur schrägen Gemütern wie Alice Schwarzer ein. Schnell aber zeigte sich: Der Nerv der Pestschreier war getroffen, das Gewissen (offensichtlich doch noch rudimentär vorhanden) rührte sich, Pflichtbekundungen folgten. Schuldige mußten her, die eigene Gesinnung konnte es doch nicht sein. Das Verbrechen ist in seiner Entsetzlichkeit doch schlicht nicht zu ignorieren.
Trotzdem muss es auch für diese ein Vehikel geben, ihr Gedankengut zu transportieren. Das Gedankengut selbst ist nicht schuld am Massaker. Welche Lösung für das Problem (egal welches, z.B. Islam) diskutiert wird, DAS kann schuld am Massaker sein. Wer Gegner entmenschlicht ("Pest"), sagt, dass das Problem ausgerottet gehört. Mit der Pest kann man nicht diskutieren. Demokratische Mechanismen funktionieren nicht gegen Krankheiten. Dies ist dann gesagt und andere können Schlüsse ziehen. Wie weit soll man hier tolerant sein? Meines Erachtens sehr weit. Die Botschaft: "Der Islam ist an allem schuld" kann schlicht nicht vernünftig begründet werden. Ohne Volksverhetzung ist das nicht transportierbar. Sollte es deswegen verboten sein? Wie setzt man dieses Verbot um? Sollten wir unsere Freiheit opfern, weil es dumme Menschen gibt?
Der Terrorismus der 70er Jahre hatte nicht das Ziel zu "siegen". Der Plan war, die Politik und die Polizei soweit zu provozieren, dass diese die Freiheit einschränkt und jeder sieht, wie totalitär der Staat ist. Das, was wir damals so bemängelt haben, dass nach einem Terroranschlag die Politiker große Reden schwingen, was alles getan werden muss – aber letztlich doch nichts tun – DAS hat uns damals vor dem Terrorismus gerettet. Der Staat lies sich nicht provozieren.
Heute ist das anders: In Norwegen gibt es einen Anschlag. In Deutschland werden Gesetzesänderungen, Verschärfungen ... diskutiert. WIR haben jedoch ein anderes Problem. WIR müssen uns nicht gegen Terroristen schützen. WIR müssen uns vor Politikern schützen, die unter allen Umständen unsere Freiheit einschränken wollen.
Daher müssen wir Dummköpfen erlauben dumm zu sein und dumme Sachen zu sagen, damit WIR nicht in unserer Freiheit gefährdet sind. Tolles Norwegen: Die norwegische Botschafterin (Vize-Botschafterin meines Wissens) hat bald nach dem Terroranschlag gesagt, sie glaube nicht, dass dies langfristig irgendwelche Folgen für ihr Land hat. Den Norwegern sei die Freiheit viel zu lieb, um sich diese um der Sicherheit willen einschränken zu lassen.
Nicht erspart bleiben kann und soll den Dummköpfen aber die politische Diskussion und der Hinweis, dass sie dumm sind. Verantworten aber muss man sich ausschließlich für das, wozu man aufruft.
Telepolis berichtet darüber, dass die klassischste aller Frauenliteratur mit der Zeit erwachsen wird. So sah es vor elf Jahren aus:
Spätestens seit 2000 wich diese Konstellation dem "Macho nutzt Notlage aus"-Schema. Zynische, rachsüchtige, arrogante und sexbesessene Männer nutzen Notfallsituationen nicht nur aus, sie schufen sie auch oft genug erst.
Noch überraschender war allerdings, dass sich in der Romana-Reihe der Cora-Verlag an ein Thema herantraute, das bisher eher ein gesellschaftliches und mediales No-Go ist: häusliche Gewalt gegenüber Männern. Häusliche Gewalt wird ja zu 99% als Gewalt gegenüber Frauen und Kindern angesehen, aggressive, gewalttätige Frauen spielen in Berichterstattung und Fiktion kaum eine Rolle. "Randerscheinung, unwichtig" lautet die banale Erwiderung auf einen Satz wie "Es gibt auch Frauen, die zuschlagen.". Durch diese recht zynische Haltung wird das Thema auch weiter Randthema bleiben und insofern bleiben die Männer mit dem Problem doppelt allein gelassen da sie höchstens zum Amüsement taugen (die Frau mit dem Nudelholz etc.).
In "So heiß küsst nur ein Italiener" ist es die unzufriedene und eifersüchtige Ehefrau Marcella, die ihrem Mann das Leben zur Hölle macht. Von verbaler Gewalt bis hin zur körperlichen Gewalt ist es nicht weit. Für ihren Mann, einen stolzen Italiener, ist dies doppelt grausam. Zum einen hat er Angst vor seiner eigenen Frau, zum anderen schämt er sich dafür, will nicht zurückschlagen und wird dadurch immer stärker zum Opfer. Die blauen Flecken, die er davonträgt, entschuldigt er schamhaft mit kleinen Unfällen mit dem Motorrad, von seiner großen Liebe wendet er sich ab weil er Angst hat, auch sie würde durch Marcella bedroht werden. Scham und Stolz werden somit, wie er am Schluss selbst zugibt, zu einer Mixtur, die es der Frau einfach macht, weiter gewalttätig zu sein.
Labels: Sommer der Männerbewegung
Auch heute wieder die aktuelle Presseschau zur Debatte über Islamophobie und ihre Folgen. Es scheint euch immer noch zu interessieren; die Zahl der Zugriffe ist fast unverändert hoch. Allzu lange werde ich das Thema aber nicht mehr weitertreiben, auch da in der Debatte die zitierenswerten Artikel allmählich weniger werden.
In Deutschland warnen „Islamkritiker“ wie Henryk M. Broder, auf den im Manifest verwiesen wird, oder Necla Kelek in drastischen Worten vor der Kapitulation des Westens angesichts der islamischen Bedrohung. Doch eine entscheidende Frage lautete immer: Worauf wollen sie hinaus? Was folgt aus ihrer Kritik? Was soll aus den Muslimen in Europa und ihrem „nicht-reformierbaren Islam“ werden? Breivik hat mit seinem Massenmord eine sehr praktische Antwort gegeben.
Genau an dieser Stelle greift nun die Verantwortung derer, die, egal ob gewollt oder nicht, als Sprachrohr dieser Klientel gesehen werden. Diese sind nicht verantwortlich für die Anschläge in Oslo, keine Frage. Wohl aber tragen sie eine besondere Verantwortung dafür, dass in Deutschland wieder Mäßigung an die Stelle von Hass tritt. Zu diesen besonders Verantwortlichen gehören neben Thilo Sarrazin auch prominente Vertreter der Euro- bzw. europakritischen Fraktion, aber auch Publizisten wie Hans-Olaf Henkel oder Henryk M. Broder, weil sie, ob gewollt oder ungewollt, zu Ikonen der neuen deutschen Rechten geworden sind.
Wer sich in diesen Tagen nicht deutlich gegen jede, aber auch wirklich jede Art von Fundamentalismus stellt, macht sich zum Instrument eines primitiven Hasses, der unsere offene Gesellschaft bedroht und wird spätestens damit selbst zum Problem für diese Gesellschaftsform und in meiner Definition zum "Primitivbürger", der das Gegenteil von aufklärerischen Werten vertritt. Es ist Zeit, sich zu bekennen – unabhängig davon, ob sich das auf die Verkaufszahlen der eigenen Bücher oder die Besucherzahlen bei den eigenen Veranstaltungen auswirkt.
Flemming Rose von der dänischen Zeitung Jylland Posten hat dazu einmal gesagt: Er möchte, dass die Muslime in Europa integriert werden. Dazu gehört, dass man sich über ihre Religion genauso lustig machen kann wie über, sagen wir, den Katholizismus. Die Muslime haben, so komisch das klingt, ein Recht darauf. (...) Ideen sollen im öffentlichen Raum gegeneinander antreten, auch der Islam in all seinen Spielarten. Ideen brauchen keinen Schutz; Kritik an ihnen, auch erbarmungslose und irrtümliche, ist erlaubt. Mit Menschen ist es etwas anderes. Menschen müssen geschützt werden.
Wer nach den offenkundigen rechtsextremen Hintergründen des norwegischen Terroristen fragt, relativiert damit nicht islamistischen Terror. Gerade umgekehrt wird aber ein Schuh draus: Wem jetzt nichts einfällt als billige Polemik gegen „linke Gutmenschen“, ausgeprägtes Freund-Feind-Denken und die Darstellung von Breivik als unpolitischem, weil offenkundig verrücktem Einzeltäter mit einem individuellen „Spaß am Töten“ (Broder), der verharmlost rechtsextremen Terrorismus. (...) Vielleicht könnten einige Vertreter der „Islamkritik“ sich daher zu der Einsicht durchringen, dass es neben der islamistischen Bedrohung auch noch einen militanten Rechtsextremismus geben könnte, der durch öffentliche Debatten über „Überfremdung“, Gene und Gemüsehändler durchaus bestärkt wird?
Alle bekannten Historiker sind sich einig, dass die antisemitischen Strömungen vor Hitler – und egal für wie demokratisch sie sich hielten – keine Mitverantwortung für den Holocaust von sich weisen können. Wie können die antiislamischen Strömungen – egal für wie demokratisch sie sich halten – eine Mitverantwortung für die aktuelle Situation von sich weisen?
Noch besser als Alan Poseners Satz "Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen. Wer das leugnet, verwirkt den Anspruch, ernst genommen zu werden." gefällt mir der folgende Satz aus dem FDP-Forum: "Breivik und die ultra-rechten violent Talker saßen im selben Boot. Breivik hat dieses Boot durch seine Wahnsinnstat zum Kentern gebracht. Nun versucht die schreibende Zunft, von dieser Tatsache abzulenken, indem sie laut 'Mann über Bord' ruft. Aber das Manöver schlägt fehl."
Du stehst mit Deiner Position nicht alleine. Ich weiß nicht, wie vielen anderen es wie mir geht, die einfach keinen Nerv mehr haben, sich diese Diskussionen zuzumuten, und deswegen schweigend dem Elend zusehen (es hat durchaus was mit meinem Meiden der Männerforen und auch dem Rückzug von Manndat zu tun – zumindest für den Moment), aber wenn ich vergleiche, was für Debatten es früher gab, wie argumentiert wurde und wer sich nun alles zurückgezogen hat und nirgendwo mehr auftaucht, glaube ich, dass es einige Leute mehr geben muss, die so denken.
Es sollte mehr Leute geben, die dagegen die Stimme erheben (ich will mich da gar nicht mit dem anderen Stress herausreden), aber es ist gut, ein Blog wie Deines zu haben, auch wenn Du mehr und mehr zwischen alle Stühle zu rutschen scheinst - ich sehe das als Zeichen, dass Du Dich standhaft der Vereinnahmung durch die eine oder andere extreme Richtung verweigerst. Ich stimme mit Dir in einigen Punkten definitiv nicht überein, aber es gibt niemanden, den ich in dieser ganzen gegenwärtigen Lage für wichtiger halte als Dich (vielleicht gerade weil Du überall aneckst). Früher gab es mehr gemäßigte Leute, heute gibt es keine Scherze mehr in den Foren, nur noch verbissenen Sarkasmus.
Das Traurige ist, dass ich irgendwie in gewisserweise durch das Männerrechtsthema gebunden bin; aber gleichzeitig zeigen diese Foren, von ein paar wenigen Ausnahmen, mit wem und welchen Ansichten man dann arbeiten müsste. Das funktioniert für mich nicht mehr.
Hier die heutige Presseschau zur aktuellen Islamophobiedebatte:
Noch mal kurz im Zusammenhang. Zwei Tage zuvor hat ein Mann 68 Jugendliche umgebracht, gejagt und erschossen wie Tiere, aus Hass auf den Islam und Linke. Henryk M. Broder wird gefragt, ob es ihn anfasst, dass dieser Mann sich in seinem Pamphlet, dem Buch zum Massenmord, auf Argumentationen von ihm, Broder, beruft. Es wäre eine Spitzengelegenheit für Henryk M. Broder wenn schon nicht Betroffenheit zu äußern, so doch irgendetwas Normales, Humanes, Gutes zu sagen oder aber einfach mal den Rand zu halten. Henryk M. Broder sagt: "Das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp."
Henryk M. Broder ist – neben Thilo Sarrazin – die lauteste Stimme der Islamophobie in Deutschland, aber keineswegs die einzige. Der Antiislamismus als Ressentiment, wie er sich in der Mitte der deutschen Gesellschaft herausgebildet hat, ist nicht zum Geringsten Broders Verdienst. Sein Witz ist Demagogie, sein Argument Polemik. Was aber ist das Ziel eines Autors, der die Lage mit folgenden Worten beschreibt: „Wie die Appeasement-Politik gegenüber Hitler die expansive Haltung der Nazis nur befördert hat, so laufen die Europäer mit ihrer Politik der Beschwichtigung heute Gefahr, die Transformation Europas zu einem islamischen Kontinent zu beschleunigen.“ Wer so etwas schreibt, der verteidigt nicht die von ihm angeblich verteidigte westliche Kultur, der verteidigt nicht die von ihm angeblich verteidigte Zivilgesellschaft, er verteidigt nichts und niemanden – er ruft zum Angriff, zum Präventivschlag in vermeintlich letzter Sekunde.
Es sind PI-Kommentare wie dieser, die angesichts der jüngsten Ereignisse in Norwegen aufhorchen lassen: „Multikulturalismus ist Völkermord wie der Holocaust, nur subtiler“. Ein anderer Leser ergänzt: „Wenn der Islam nicht bekämpft und ausgerottet wird, ist das der Untergang der Zivilisation“. (...) Auf dem Blog werden in hysterischer, pathologisch fragwürdiger Art und Weise, Angstszenarien propagiert, die auf den ersten Blick so lächerlich erscheinen, dass viele Menschen die Gefahr die von ihnen ausgeht, nicht ernst nehmen wollen. Doch diejenigen, die als Leser bleiben, radikalisieren sich, wiegeln sich gegenseitig auf, ergötzen sich an Gewaltphantasien und Kommentierungen, die man zu Recht anderswo nicht posten dürfte.
(...) Stefan Herre, Gründer von Politically Incorrect und seit kurzem Pressesprecher der Partei „Die Freiheit“, sagte dem Katholischen Nachrichtendienst im Oktober 2007: „Ich möchte mir nicht, wie manche unserer Großeltern, die im Dritten Reich geschwiegen haben, von meinen Enkelkindern später vorwerfen lassen müssen: Ihr habt es doch gewusst, wieso habt ihr nichts dagegen getan.“ Die Frage aber, was getan werden muss, lassen die Autoren von Politically Incorrect bewusst offen. Das erledigen die Kommentatoren. Die Darstellung ihrer subjektiven Realität lässt ohnehin keine großen Spielräume offen: Die Handlungsvorschläge der User verlaufen irgendwo zwischen Mordphantasien, Massenabschiebungen nicht-weißer Bevölkerungsteile und Ethnischen Säuberungen.
Die Toleranz der politischen Entscheidungsträger gegenüber Rassisten und antiislamischen Hasspredigern scheint auch nach dem Attentat ausgeprägt zu sein. Das kann kaum erstaunen, denn viele Passagen der von den Brandstiftern formulierten Pamphlete unterscheiden sich nicht maßgeblich von den Sprechzetteln einiger Politiker und Medienarbeiter. Doch muss nicht eben dieses Klima der Ausgrenzung und Islamophobie durchbrochen werden? Kann Oslo, können Tat und Täter ohne die Ausbreitung verhetzender und herabwürdigender Klischees in die Mitte der Gesellschaft überhaupt begriffen werden?
Die kruden Thesen des Anders Behring Breivik sind keine Meinung eines Einzelnen, sondern Common Sense in einer sich vor allem im Netz organisierenden Minderheit. In zahlreichen Foren, auf Blogs und Boards treffen sich Menschen, die sich in einer gefährlichen Mischung aus Verschwörungstheorien, christlichem Fundamentalismus, Islamophobie und rassistischer Gesinnung ein eigenes Weltbild zeichnen, das in seiner radikalsten Form zu dieser Wahnsinnstat geführt hat. Aber auch im gesellschaftlichen Mainstream finden sich Seitenarme dieser Ideologien, die bis in die Tiefen unserer Gesellschaft greifen: Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ trägt im Titel, was Breivik in seinem 1516-seitigen Manifest des Wahnsinns extremistisch untermauert. Was bei Sarrazin unter den Labels „Das wird man doch noch sagen dürfen!?“ und „Endlich sagt es mal einer!“ verkauft wurde, trägt auch einen Teil Breivik in sich und Breivik ein Teil von dem.
Auch im linken politischen Spektrum ist die aggressive Islamfeindschaft verbreitet, zum Beispiel bei den sogenannten Antideutschen, die aus den antifaschistischen Gruppierungen der 80er Jahre hervorgegangen sind. Sie speisen ihre Islamfeindlichkeit aus einer bedingungslosen Zustimmung zu Israel. (...) In der Tat eint die Begeisterung für Israel die linken und rechten Islamfeinde. In dem Land zwischen Mittelmeer und Jordan sehen sie den Brückenkopf des Westens im Nahen Osten und das Bollwerk gegen den Islamismus. Kritik an der Politik Jerusalems weisen sie als Antisemitismus zurück, die legitimen Ansprüche der Palästinenser gelten für sie nicht. (...) Den israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery schaudert es, wenn er daran denkt, dass dies die neuen Freunde seines Landes sind und dass sich auch der Attentäter von Norwegen selbst als Freund Israels bezeichnete. (...) Die europäischen Rechtsparteien hätten den Antisemitismus durch die Islamophobie ersetzt. Lasse man sie gewähren, dann beschreite man eine Entwicklung wie in Deutschland in der ausgehenden Weimarer Republik.
Da die ideologischen Hintergründe Breiviks sich so offensichtlich mit denen rechtspopulistischer Parteien in Europa überschneiden, werden diese aber ganz automatisch Schaden davon tragen. Das Schlager-Thema der letzten Jahre, die Islamisierungshysterie, ist zum Beispiel für einen Wahlkampf vorerst gestorben. Wer nach diesen schrecklichen Auswüchsen des Hasses auf politische Gegner und kulturell unterschiedliche Menschen wieder in einem Comic ein Kind zum Zwuschelschießen auf Türken auffordert, “Daham statt Islam” oder Sprüche über die Bedrohung des “Wiener Bluts” durch “Fremdes” plakatiert, wird sich rechtfertigen müssen und darauf hingewiesen werden, dass diese politische Kultur die Brutstätte für den nächsten Breivik ist. Und in einem auf diese Weise sensibleren Klima, kann man damit nur noch bei Extremisten punkten.
Kurz nach dem schrecklichen Attentat in Oslo fordern islamkritische Gruppierungen, die sonst jeden Moslem zum potentiellen Terroristen erklären, man solle in ihnen keine potentiellen Terroristen sehen. Das Verbrechen von Anders Behring Breivik, die rund 150 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland seit 1990 oder das Oktoberfestattentat 1980 seien das Resultat bedauerlicher Taten von Einzeltätern, die nichts mit ihnen zu tun haben.
Wie erstickend muss das politisch korrekte Klima in Norwegen gewesen sein, dass ein anscheinend intelligenter Mann und Unternehmer keinen anderen Weg sah, als mit solch' einer verachtenswerten Verzweiflungstat seiner politischen Perspektive Gehör zu verschaffen? (...) Hätte Breivik nicht den Weg in die sinnlose Radikalität antreten müssen, wenn die politischen Eliten und Meinungsmacher ihm und den Klagen des Volkes zugehört hätten?
Ein anonymes „Netzwerk demokratischer Widerstand“ listet auf der im Aufbau befindlichen Internetseite Wissenschaftler, Juristen, Politiker, Künstler und Journalisten, teils mit Anschrift, auf, die eine angebliche Islamisierung Deutschlands begünstigen und „durch linke Ideologie aktiv die Zerstörung unseres Heimatlandes betreiben“. Zu den bislang 27 dort aufgeführten Personen gehören Politiker wie Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer, Volker Beck (alle Grüne), Lale Akgün, Sebastian Edathy und Sigmar Gabriel (alle SPD), Spiegel-Autor Erich Follath und Regisseur Fatih Akin. Sie werden, so schreiben es die Betreiber, „zu einem geeigneten Zeitpunkt öffentlich … zur Verantwortung gezogen“.
Die Webseite "Politically Incorrect" (PI), zum Beispiel, eine Plattform weitgehend anonymer Blogger aus dem konservativen bis rechten Spektrum, die seit 2004 lautstark gegen Linke im Allgemeinen und den Islam im Besonderen wettern, findet einen ganz besonderen Umgang mit dem verheerenden Doppelattentat von Oslo und Utøya: In einem Satz beklagt sie wortreich das "teuflische Werk" des Anders Behring Breivik, um im gleichen Atemzug die angeblich "einseitige und nicht selten an Verklärung, Verleumdung und Diffamierung grenzende Berichterstattung" über die wahren Ursachen zu geißeln: "Nach dem furchtbaren, abstoßenden und aufs schärfste zu verurteilenden Verbrechen von Breivik wird immer deutlicher, dass eine schamlose, zynische und zutiefst menschenverachtende Fraktion innerhalb der internationalen Linken sich nicht einmal eine Atempause für ehrliche Trauer, tiefe Betroffenheit und echt empfundenen Schmerz genommen hat", heißt es in einem Beitrag.
Noch weiter rechts, bei der NPD, gibt man sich plötzlich staatstragend und weist den Vorwurf der geistigen Brandstiftung erbost zurück: "Die Politiker der BRD versuchen die Anschläge eines Ökobauern in Norwegen für ihre Zwecke auszunutzen. Die NPD hat an ihrem strikt rechtsstaatlichen Kurs in der Vergangenheit nie Zweifel aufkommen lassen", heißt es in einer Erklärung der Partei.
„Abt. Schlimmer Finger: Gewalttätiger Anti-Sozialdemokratenprotest in Norwegen“ ist auf der Seite „Altermedia“ zu lesen, eines der populärsten Internetportale der rechtsextremen Szene in Deutschland. Was dann folgt, soll offenbar witzig sein. „Sozialdemokraten scheinen auch in Norwegen nicht beliebt zu sein, woran das nur liegen kann?“ 76 Jugendliche hat der Attentäter Andre Breivik auf der Insel Utøya erschossen. „Altermedia“ hat nur blanken Hohn für sie übrig. Die Opfer, so der Tenor des Blog-Eintrags, seien selber Schuld. Man müsse, schreibt der Verfasser weiter, dem Attentäter eine Handlung im Affekt zubilligen, „die angesichts der sozialdemokratischen Politik in Norwegen und Europa nachvollziehbar ist“. Die Freude der rechtsextremen Blogger über den Anschlag scheint deutlich durch.
Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen. Wer diesen Zusammenhang nicht sehen will, gilt heute nicht einmal in linken Kreisen als wirklich ernst zu nehmen.
Umso bezeichnender ist es, dass die neurechten Maulhelden, aus deren Dunstkreis Anders B. hervorging, und die ihn zu den Ihren zählten, bevor er das Maulheldentum satt hatte und zur Propaganda der Tat schritt, nun gar nichts mit ihm zu tun haben wollen, keinen Gedanken auf Selbstkritik verwenden, sich vielmehr in bekannter Manier wehleidig schon jetzt als Opfer des linken „Mainstreams“ und jener „Kulturmarxisten“ hinstellen, die Anders B. absolut folgerichtig seinerseits als Opfer heraussuchte. (Mit seinen Mentoren hatte er nämlich auch gemeinsam, dass „der Islam“ als Feind eine abstrakte Chiffre bleibt, während der eigentliche Hass denjenigen gilt, die verdächtigt werden, den Islamisten den Weg zu bereiten. Eine Haltung, die wir vom Stalinismus und vom McCarthyismus her kennen.)
Dabei waren sie – die Kritiker linken „Gutmenschentums“ – immer schnell dabei, wenn es darum ging, „den 68ern“ vorzuwerfen, ihre Ideen hätten zum Terror geführt.
Die Muslimfeinde, deren Ideen Anders B. zu seiner Tat bewegten, sind auch bei jeder islamistischen Terrortat immer schnell mit der Forderung zur Hand, „die Muslime“ müssten sich davon eindeutig und glaubhaft distanzieren.
Und natürlich geht ihnen keine Distanzierung je weit genug. Die Forderung, auch sie müssten sich nun glaubhaft von der Tat des Anders B. distanzieren, weisen sie hingegen weit von sich.
Nach was will er dort eigentlich suchen? Nach islamophober Hetze, wie sie der Attentäter von sich gab? Ob er weiß, dass er recht schnell bei den Postings von Henryk M. Broder landen wird? Oder bei den Populisten von Pro Deutschland?
Für den Dreck, den Behring sich als Ideologie reingezogen hat, braucht es kein Internet. (...) Ganz ohne Internet kann man die Bücher von Henryk M. Broder und Thilo Sarrazin lesen. Man muss den Hasspredigern überall entgegentreten, aber die schlimmsten Hassprediger der Ideologie, der Behring ein blutiges Fanal gesetzt hat, finden sich in den Talkshows von Anne Will bis Maybritt Illner, werden in Auszügen auf Spiegel-Online veröffentlicht und genießen den Status von "Provokateuren". Das sind die Hassprediger, auf die Behring gehört hat, und sie sind nicht im Internet, sondern in unserer Mitte.
Rechte Politiker/innen vereinen sich unter dem Banner des Kampfes gegen die "schleichende Islamisierung Europas". Diese Vernetzung bleibt aber nicht auf rechts-rechte Kräfte beschränkt. Seit einigen Jahren wirken einzelne Akteure der "Islamkritik" in die Mitte der Gesellschaft hinein. Ein Hans-Peter Raddatz, der die "Existenzformel des Islam" als "Recht auf Unrecht [...] in der Vernichtung des Unglaubens und des individuellen Denkens zum Schutz der Scharia" beschreibt, wurde in Österreich im April 2010 von einem konservativen Staatssekretär a.D. als Islam-Experte am Podium begrüßt und Henryk Broder ("Der Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist wie jener zwischen Terror und Terrorismus") von einem konservativen Bundesminister drei Jahre nacheinander für ein Referat zum Multikulturalismus und zum Islam eingeladen.
Die Art, in der die Nationalkonservativen den Islam diskutieren, verwischt die Individuelle Verantwortlichkeit und ist geeignet, kollektives Mistrauen und Hass zu schüren. So werden zum Beispiel Vergewaltigungen als eine Strategie des Islams betrachtet. Daher kommt es in der Denkweise der Nationalkonservativen nicht darauf an, welchen Lebenswandel ein einzelner Moslem führt, er sei schon deshalb gefährlich, weil er den Islam verbreitet.
Es war nur eine Frage der Zeit bis ein durch nationalkonservatives Gedankengut motiviertes Verbrechen verübt wurde. Ich habe eher Gewalt gegen Einwanderer befürchtet – was Wirklichkeit wurde, ist der Versuch, Europa mit Terror zu überziehen.
Ein oft anzutreffendes Erklärungsmuster für den Anschlag ist die These, dass es sich um einen Psychopathen handle. Diese These übt unter den Nationalkonservativen ein gewisse Entlastungsfunktion aus: „Morden wollte der Täter sowieso es sei nur Zufall das er sich aus unserer Ideologie ein Rechtfertigung dazu zimmerte“. Damit wird verdunkelt, dass es einen direkten Zusammenhang von Nationalkonservativer Ideologie mit den verübten Verbrechen gibt. Auch sonst ist von der Psychopathenthese nicht viel zu halten: Es ist denkbar das der Täter von Anfang an völlig empathielos war, aber genauso gut dass seine politische Motivation so groß war, dass er sich seine Menschlichkeit selbst abtrainiert hat. Wer eine Ideologie aufbaut, die seine Gegner entmenschlicht und ihnen die größten Verbrechen andichtet, wird damit auch seine Hemmungen verlieren.
Bereits 1987 erklärte die Jugendrichterin Elisabeth Schröder-Jenner vor dem Jugendwohlfahrtsausschuss in Hannover, dass nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland zwei Drittel aller Vergewaltiger, drei Viertel aller jugendlichen Mörder und Drogenabhängigen, sowie drei Viertel aller Räuber und Einbrecher, die in Strafanstalten und Erziehungsheimen einsitzen, aus vaterlosen Familien stammen (...).
Auch Michael Lamb vom Nationalen Institut für Kindergesundheit und menschliche Entwicklung in den USA sieht in Vaterlosigkeit die Ursache für eine große Zahl von Verhaltensstörungen, darunter Gewalt gegen Frauen und Kinder, Probleme mit der geistigen Gesundheit sowie Schwächen beim Lesen und beim Bestehen von Tests. Lamb bestätigt die Zahlen Schröder-Jenners: 72 Prozent der jugendlichen Mörder und 60 Prozent der Vergewaltiger stammen aus Familien ohne Vater (...).
Diese Erkenntnisse decken sich mit denen, die in einer deutschen Langzeitstudie gewonnen wurden: Demnach haben, wenn nach einer Scheidung ein Elternteil ausgegrenzt wird, 75 Prozent der Kinder noch Jahre später "große Probleme, den Alltag zu bewältigen und längerfristige Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln. Knapp die Hälfte hat Probleme mit Alkohol und Drogen, einige haben wegen Beschaffungskriminalität vor dem Richter gestanden." (...).
In Deutschland wurde die Bedeutung des Vaters für das weitere Leben der Kinder vor allem von Matthias Matussek bekannt gemacht. Weil seine Behauptungen dem Trend der Zeit extrem zuwiderliefen, warfen ihm Feministinnen unseriösen Zahlenzauber vor. Man könne zum Beispiel, so argumentierten sie, nicht einfach danach sehen, wie viele Verbrecher ohne Vater aufgewachsen seien und daraus mir nichts, dir nichts eine Verknüpfung basteln, wobei man sämtliche anderen Faktoren außer Acht lässt. Dieser Einwand hört sich sehr vernünftig an: Es ist etwa durchaus denkbar, dass in denselben Schichten und Milieus, in denen Kinder ohne Vater aufwachsen, auch die Kriminalitätsrare höher ist. Aber die neueste Forschung weist in eine andere Richtung. Die beiden Soziologinnen Cynthia Harper und Sara McLanahan verfolgten zum Beispiel den Lebensweg von 6000 Männern von 1979 bis 1993. Sie stellten fest, dass die Wahrscheinlichkeit, im Gefängnis zu landen, für Jungen, die ohne Vater aufgewachsen waren, doppelt so hoch war wie für die anderen. Das galt selbst dann, wenn man andere Faktoren wie Rassenzugehörigkeit, Familieneinkommen, Ausbildung der Eltern und die Art des Wohnorts mit berücksichtigte. Das Risiko stieg sogar noch für Jungen mit einem Stiefvater (...). Auch William Galston und Elaine Carmock, zwei Soziologen, die für Clinton gearbeitet haben, kamen zu dem Schluss, dass die Beziehung zwischen einem fehlenden Vater und Verbrechen so stark sei, dass sie die Beziehung zwischen Rasse und Verbrechen oder niedrigem Einkommen und Verbrechen auslösche.
Um so zu reagieren wie in der Vergangenheit könnte man zum Beispiel:
- Seiten wie Politically Incorrect überwachen, vielleicht sogar einige Blogs und Foren schliessen.
- nordische Typen an Flughäfen etwas genauer untersuchen (und auf jeden Fall mit mit Skepsis beobachten, wenn sie ein Kreuz um den Hals tragen).
- Bei jedem versuchten Bombenanschlag wollen wir eine klare und deutliche Distanzierung hören von Parteien und Organisationen wie der Schweizerischen Volkspartei, dem Front National, der Tea Party und der English Defense League. Ist dies nicht der Fall (oder wird diese Entschuldigung medial nicht verbreitet), stehen sie im Verdacht, den Anschlag eigentlich gutzuheissen.
- Man sollte sich spezielle Verwahrungsmethoden ausdenken für Rechtsextreme, für die die Beweislast für eine Verurteilung nicht ausreicht, wir aber verdächtigen, dass sie der Gesellschaft gefährlich werden könnten. Das existierende Rechtssystem reicht nicht aus, um uns vor ihnen zu schützen.
- Da der mutmassliche Täter heute noch von weiteren Zellen gesprochen hat, sollte er mit "verbesserten Verhörmethoden" befragt werden ("enhanced interrogation techniques" auch bekannt als Folter). Es könnte ein klassischer Fall einer "tickenden Zeitbombe" sein.
Gerade die Islamophoben, mit oder ohne unterschwelligen Überlegenheitsgefühlen, werden nun aufschreien "sicher nicht, das ist was ganz anderes" (viele von ihnen würden sowieso bestreiten islamophob zu sein). Für einmal bin ich mit ihnen einig. Andere werden eine gewisse Bestätigung verspüren, schmunzeln und die Satire natürlich verstehen.
Wer nicht zur Gewalt aufruft kann nicht direkt für diese verantwortlich gemacht werden. Wenn sich die Hetzer in Europa von der Schweizerischen Volkspartei bis zum Front National nun ihre Hände in Unschuld waschen wollen, um so weiter zu machen wie bisher, muss ich sie jedoch enttäuschen. Erstens müssen sie nämlich auch damit leben, dass dies zum Beispiel für islamistische Prediger gilt, die gegen die Ungläubigen wettern (wie gesagt, eine Ausnahme sind für mich direkte Aufrufe zur Gewalt). (...) Zweitens findet dieser "Freispruch" mit einem weiteren Vorbehalt statt: Nur weil es keine direkte Verantwortung gibt, heisst das nicht, dass alles durchgeht. Die oft systematisch betriebene Dehumanisierung und Ausgrenzung schafft ein Klima, welches solche Täter in ihren wirren Weltsichten bestätigt und legitimiert. Dafür müssen diese Organisationen geradestehen. Sie müssen und sollen zwar das Recht haben, ihren ausgrenzenden Diskurs zu führen, sie müssen aber auch mit den Konsequenzen konfrontiert werden und dem Klima, das sie damit schaffen. Verbieten soll und kann man es nicht. Sie sollen dafür kritisiert werden und sich rechtfertigen müssen.